e a t . m e
Kopflos in Seattle
- Die Geschichte des Sado-Maso-Bibers -




Vor langer Zeit in einem unbekannten Land namens SAU (Setzen Sie die Buchstaben neu zusammen und senden sie das Lösungswort bis zum kommenden Mittwoch an unser Logistik-Zentrum in Kaufbeuren-Neugablonz, um mit viel Glück einen zweitägigen Aufenthalt in der westsibirischen Moorlandschaft ODER einen Dieter Bohlen-Schlüsselanhänger zu gewinnen!) lebte einmal ein kleines Huhn, das in einem Supermarkt an der Kasse arbeitete und jede Woche Lotto spielte. Das Huhn war nicht besonders gutaussehend, was vielleicht daran lag, dass ihm ein Bein auf der Stirn wuchs. Because of that (jawohl, es wird Zeit, auch auf unsere ausländischen Leser Rücksicht zu nehmen) hatte es nicht viele Freunde und verbrachte die Abende oft allein zu Hause auf dem Sofa, sortierte Coladosenaufmachmetallteile (eins der Wörter, die sinnloserweise mehr als eine Silbe haben) nach Größe und Grad der Deformierung, untersuchte längst ausgerottete Pflanzen auf Verhaltensweisen bei Beschallung mit Aggro Berlin (die Reaktionen waren übrigens immer gleich: als Zombie-Blumen zerstörten sie mit Kettensägen die sorgfältig geordneten Coladosenaufmachmetallteile) oder tat so, als wäre es ein Stück Faden.
Mit der Zeit hatte das kleine Huhn, das übrigens Bello hieß, genug von seinem langweiligen Leben. Sie (denn das Huhn hatte eines langweiligen Abends mithilfe des VOX-Programms festgestellt, dass es ein Weiblein war) strickte sich aus ihrer Coladosenaufmachmetallteilsammlung einen Regenmantel und packte ihre Sachen zusammen. Nicht länger würde sie dulden, dass ihr Hinterteil der Ausguss ihres Sofas bleibt. Bello nahm ihren kleinen Koffer und stapfte die Stufen hinunter (ja, auch so ein drittes Bein kann Vorteile haben). Sie warf noch einen letzten Blick hinter sich in ihr altes Leben und kehrte dann ihrem Haus endgültig den Rücken zu.
Auf der Straße roch sie zum ersten Mal den Verwesungsgeruch noch halb lebender Wale – Der Geruch der Freiheit (nachzulesen in „Leben in SAU“).
Von nun an würde sich alles ändern. Sie drehte sich um und überquerte die Straße.
Dann wurde sie von einem LKW, der Tierdärme transportierte, überfahren.
Bello, das kleine Huhn, war tot.


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Am nächsten Tag war es in der Zeitung zu lesen: „Aldi sucht neue Kassiererin. Sollte möglichst kein Bein auf der Stirn haben“.


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Bill schlug die Zeitung auf. Das brachte ihn auf eine Idee: Er könnte mal wieder den Müll raus bringen. Draußen stehen die Mülltonnen. Draußen ist auch die Gefahr. Genau genommen war die Gefahr überall. Sein Nachbar hatte ihm erst neulich einen Brief geschrieben – natürlich in Hochsicherheitsglas verpackt: Ein Regenwurm, der neben einem Regenwurm lag, der erst gestern mit einem Nilpferd geredet hat, das von einer Katze angespuckt wurde, deren Bruder einen Freund hat, der mal jemanden kannte, der Tollwut hatte, ist erschlagen wurden. Armer Regenwurm. Er hatte sich als Fliege getarnt, aus Angst, jemand, der Regenwürmer nicht mag, könnte ihn finden.
Grausam, diese Zeiten. Bill fiel ein, dass er gestern Nachmittag verpasst hatte, die übrig gebliebenen Flügel bei Ebay zu ersteigern. Flügel konnte man eigentlich immer gebrauchen. Die hätten mit in den Eventuell-Irgendwann-Nützlich-Schrank gehört. Da wo er auch den Regenmantel aus Coladosenaufmachmetallteilen hineingelegt hatte, den der Wind vorgestern in seinen Vorgarten geweht hatte. Ja, so ein Paar Flügel hätten ihn vor dem nahenden Untergang retten können. Stattdessen wird jetzt eine hundertjährige Einbeinige aus Iowa gerettet.
Sowas gehört zu den Dingen, über die sich Bill aufregen könnte. Aber sich aufzuregen wäre fatal, denn dann bekäme er wieder Nasenbluten und in Null Komma Nix wäre der Müllbeutel voll mit Taschentüchern, Tischdecken oder sonstigen Textilien, die nicht im Eventuell-Irgendwann-Nützlich-Schrank lagen.
Draußen stehen die Mülltonnen. Und draußen ist die Gefahr.

„LKW-Fahrer von Tierdärmen erschlagen – Unebene Straßen brachten ihm den Tod“
Bill hatte keine Lust, den Artikel zu lesen. Er schlug die Zeitung zu. Die kurze verbliebene Zeit bis zur Apokalypse mit dem Leid anderer verschwenden? Niemals!
Er faltete die Zeitung zusammen und legte sie in den Eventuell-Irgendwann-Nützlich-Schrank. (In Wirklichkeit war es kein Schrank, sondern ein Haus, das an sein Haus, das in Wirklichkeit ein Schrank war, angemauert war. Aber das verriet er keinem.)

Bill ging zur Tür. Vielleicht war Post gekommen. Aus seiner Tasche holte er einen Laser, mit dem er alle Briefe und Pakete nach möglichen Bomben, spitzen Gegenständen oder Schraubverschlüssen – den wirklichen Massenvernichtungswaffen der Zukunft – durchleuchten konnte.
Sechshundertdreiundachtzig Briefe und zwei Pakete.
Rote Herzen, gelbe Sterne und undefinierbare braune Flecken, die ihr Übriges zum Geruch beitrugen.
Bill verdrehte die Augen.
Seit Wochen bekam er Post von pubertären Mädchen und der Homosexualität verfallenen Jungen, die ihn für den Sänger einer Popgruppe hielten.
Irgendwie musste Bill an Asien denken.
Seit Wochen versuchte Bill, den Kindern klarzumachen, dass er ein Biber ist und nur mit Mühe aufrecht gehen kann. Doch die Kinder glaubten ihm nicht. Irgendwann hatte er sie deswegen mit Florena-Proben beworfen, doch sie hatten die Päckchen nur aufgerissen, sich die Creme um den Bauchnabel geschmiert und hysterisch geschrieen.
Jugend war etwas Schreckliches – zweifellos.
Bill öffnete die beiden Pakete. In dem einen waren in Teppichleim gebadete Pokemonschlüpfer, in dem anderen ein Kaktus, dem zwei Arme angeklebt waren und der eine Plastiksocke in der Hand hielt. Er tat alles in den Eventuell-Irgendwann-Nützlich-Schrank.
Die sechshundertdreiundachtzig Briefe schmiss er in den Müll.
Toll.
Müllbeutel voll.


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Bill zog sich einen Schutzanzug an, holte seine Anti-Strahlen-Gesichtshaube aus Frischhaltefolie raus und packte in seinen Hochsicherheitsrucksack einige schusssichere Herrentangas und genügend Pfefferspray für ganz Russland.
Vorsichtig sah er aus dem Fenster. Draußen waren ein paar Pferde. Sie standen im Kreis und zogen sich gegenseitig an den Ohrläppchen. Bill wusste nicht recht, wie er diesen Akt animalischer Wolllust deuten sollte. Pferde waren immer seltsam, besonders, wenn sie Maiskolben waren.
Er band den Müllbeutel zu.
In diesem Moment begann sein Herz, das er sich aus Vorsicht vor Kriminaltätern in die rechte Kniescheibe hatte transplantieren lassen (denn Profis schießen immer ins Herz, bzw. dahin, wo sie das Herz vermuten), an zu pochen und brachte sein rechtes Bein dazu, ohne ihn Samba zu tanzen.
Er stellte sich vor die Tür. Netzhautkontrolle, Fingerabdruck, Urinprobe, Nasenhaaruntersuchung. Passwort: Donau-schiffahrts-gesellschafts-kapitäns-mützen-abzeichen. Rückwärts gesprochen. Mit bayrischem Akzent.
Der Computer überprüfte.
Dann fuhr das Eisentor nach oben, das Stacheldrahtlabyrinth wurde im Boden versenkt und die selbstauslösenden Pumpguns wurden von kleinen Gnomen mit nach innen gewölbten Nasen an die Seite gezerrt.

Bill stand auf der Straße. Schutzlos ausgeliefert. Allein mit der Gefahr.

Er schmiss den Hochsicherheitsrucksack in die nächste Ecke, zog den Schutzanzug aus, setzte die Anti-Strahlen-Gesichtshaube ab (wobei daran versehentlich rechtes Ohr hängen blieb) und zog sich einen der schusssicheren Herrentangas über den Kopf (nicht zuletzt, um die kahle Stelle des ehemaligen Ohrs zu kaschieren. Er hätte es sich wieder annähen lassen, wenn nicht sämtliche ansässige Ärzte seit Wochen auf der Straße säßen, um mit Haschischpfeifen auf die Regierung zu schimpfen und für ein bisschen aktive Sterbehilfe das Dreizehnfache von Bills Monatsgehalt verlangen).

Verdammter Kapitalismus. Bill aß den Müll. Früher hat man alte Männer in einen Rollstuhl gesetzt und dazu gezwungen, dreimal täglich blaue Pillen zu essen und im Dreiminutentakt daran erinnert, nicht dem Licht zu folgen. Heute steckt man verzweifelte Biber in einen Container, der vierundzwanzig Stunden am Tag von Videos überwacht wird. „Paranoid – Ein Leben in Angst“. Zwanzig Euro im Monat. Nicht schlecht, wenn man daran denkt, dass sich andere Gummiboote in die Lippen transplantieren lassen oder Bundeskanzler werden müssen. Ziemlich schlecht, wenn man die Unzuverlässigkeit der Feuerwehrmänner bedenkt.
Erst neulich wollte LTR eine Explosionsszene drehen. Bill hatte beim Unterschreiben des Vertrags nicht die Zauberschrift, die man erst mit Nasenspray und Holunder einreiben muss, damit sie sichtbar wird, bedacht, und sich dazu verpflichtet, sämtliche Stunts selbst zu machen. Vier mal mussten sie ihm die linke Hand regenerieren. Drei Kühlschränke sind auf ihn drauf gefallen und zwei Mal musste er wieder belebt werden (natürlich von sich selbst, ihr wisst ja, die Ärzte…).
Jetzt hatte er genug.

Er sah zu den Pferden, die im Kreis standen und sich gegenseitig an den Ohrläppchen zogen.
Auf einmal drehten sie sich um und liefen die Straße hinunter.
„Wo geht ihr hin?“, fragte Bill.
„Nach Seattle.“, antwortete ein Pferd, das die Form eines Regenbogens hatte.
„Ich komm mit“, rief Bill, sprang auf das Regenbogenpferd und zeigte LTR den Stinkefinger, den er noch hatte.


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Irgendwann hatte Bill aufgehört, auf den Pferdearsch vor ihm zu starren und es sich auf dem Rücken von Mister Regenbogen gemütlich gemacht.
Fünf Pferde und ein Biber.
Manch einer hätte daraus einen Film machen können und mit ein bisschen strategischem Marketing wäre er vielleicht sogar bis nach Mesopotamien gekommen. Mesopotamien…Einer seiner zahlreichen Schwager (zumindest behaupteten sie, sie wären seine Schwager, was ihm als einsames Einzelkind ganz gut in den Kram passte) war einmal da gewesen und hatte ihm eine Ansichtskarte (vielleicht ist es besser einen Ansichtsschnipsel zu sagen) geschrieben, denn, wie bereits in Zürich festgestellt, muss man heutzutage überall sparen und vor allem im fernen Osten, wo die Marktwirtschaft auch nicht mehr das ist, was sie mal war und eigentlich nur noch darauf gewartet wird, dass der nächste Komet einschlägt, sind die Mittel knapp und besonders dort, wo es kalt ist, kann man nicht mit Papierfabriken oder Lotusblütenbalsamhäusern rechnen. Beim besten Willen nicht.
Sein Schwager hatte seinen dreiwöchigen Aufenthalt nicht besonders genossen. Auf dem kleinen Schnipsel hatte er nicht viel Platz für weitere Informationen gehabt, und als er aus dem Urlaub zurückkam, blieb ihm nicht viel Zeit zum Erzählen, weil er gleich weiter nach Madrid reisen musste, um dort irgendwas in Fortbewegungsmitteln zu klären – was genau das war, hatte Bill nicht verstanden. Jedenfalls hatte er nur „ubl“ schreiben können. Bill hatte mehrere Tage damit verbracht, alle möglichen Bedeutungen zu analysieren. Irgendwann fiel ihm auf, dass es keine gab.

Als er noch klein war, hatte sich sein Vater einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Seine Mutter hielt sich seitdem für eine Vase und hatte sich die Körperöffnung in der unteren Körperregion mit Sekundenkleber zugeleimt, denn Vasen, aus denen Wasser raus läuft, sind dumm. Und sie hasste dumme Vasen mehr als alles andere – wenn man mal von den Abkürzungen kurz vor Anfang eines Zeitungsartikels absieht.
Bill fühlte sich trotz allem wohl in seiner Umgebung. Er hatte einen kleinen Blasebalg, mit dem er die meiste Zeit des Tages verbrachte. Bill führte den Blasebalg spazieren, der Blasebalg leckte Bill die Läuse aus dem Fell und die beiden nannten sich gegenseitig Fridolin (was in der Tat ab und zu zu Verwirrungen führte, die sich allerdings mit ein wenig Semmelmehl und viel Geduld aus dem Weg räumen ließen).
Bill führte ein glückliches Leben – zumindest war er nicht im Endstadion einer Depression oder widmete all seine Stickereien dem Herdgott Ssiehuas. Alles war in Ordnung – bis zu diesem einen Tag:
Sein Blasebalg war verschwunden.
Er suchte überall, er zerlegte sämtliche Objekte in ihre Elementarteilchen und rannte in jeden Supermarkt in Neubraunschweig, um seinen Fridolin ausrufen zu lassen.
Vergeblich.
Der Blasebalg hatte ihn verlassen.
Bill war nicht einfach nur traurig. Er hätte explodieren können vor Verlustschmerz, doch er tat es nicht, in weiser Erinnerung daran, was damals mit seinem Vetter, dem Dachs, passiert war.
Bill hatte von da an keine Freude mehr am Leben. Seine glückliche Zeit in Neubraunschweig war vorbei. Neubraunschweig, das Land weit oben im Norden, das von vielen Erdbewohnern immer noch für ein elchähnliches Tier gehalten wurde.
Bill suchte Trost bei den üppigen Frauen am Straßenrand, bei den gelben Tabletten mit den kleinen Gesichtern und bei Vera am Mittag, die ihm allerdings nur riet, einen Tee zu trinken und zur Sommersonnenwende einmal um ein Glas Sauerkrautsaft zu tanzen.
Bill wusste nicht, wann Sommersonnenwende war und dass man Sauerkraut trinken konnte.
Er suchte nach einem neuen Sinn in seinem Leben, nach einer Aufgabe, einer Beschäftigung oder zumindest einer hohen Brücke oder einem Haus, dass die Größe von Büroklammern überstieg. Leider gab es in Neubraunschweig weder Brücken noch Büroklammern, von Häusern ganz zu schweigen.
Die Bewohner lagen einfach auf der „Straße“. Immer. Auch montags. Jeder von ihnen hatte einen großen Vorschlaghammer, den sie auf die Erde hauten und der wahnsinnige Vibrationen verursachte, wenn sie sich fortbewegen wollten. Erst im Alter von 36 lernte Bill, aufrecht zu gehen und seine Füße nicht nur als Landeplatz für Killerwespen zu betrachten.

Eines Tages kam LTR zu seinem Liegeplatz und machte ihm ein gut klingendes Angebot, in dem Roggenbrot eine entscheidende Rolle spielte. Bill war sprachlos. Doch auch darauf war er vorbereitet – sozusagen präpariert: er zückte seinen violetten Papagei und machte ihm durch Morsezeichen auf seinem Schwanz unmissverständlich klar, was er für eine Botschaft zu überbringen hatte. „Biber sind gewaltig homosexuell und lieben Fesselspiele“. Bill hatte vergessen, dass er dem Papagei nie Morsezeichen beigebracht hatte. Er warf ihn weg und willigte ein.

Von diesem Tag an war ein kleines Knöpfchen in dem großen Knopfladen von LTR. Hätte er nur den Tausendfüßlern in seinen Ohrmuscheln zu verstehen gegeben, dass sie ihre Nester besser ausmisten sollen. Denn noch bevor der Tag zu Ende war, saß er in einem Container, bekam seine Finger rasiert und hatte eine verstecke Kamera in der Kloschüssel.

Bill schlug sich einmal heftig mit einer Gazelle auf den Kopf und beschloss, nie wieder darüber nachzudenken.
Dann starrte er wieder auf den Pferdearsch vor ihm


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